Leipzig Leadership Lecture mit Gerhard Schröder

HHL Chancellor Marcus Kööling, Gerhard Schroeder with his wife Soyeon Schroeder-Kim, HHL Dean Stephan Stubner and Minister for Economics, Innovation, Digitalization and Energy of the State of North-Rhine Westphalia Andreas PInkwart

Schröder spricht an der HHL zu Führung in Wirtschaft und Politik

Im Rahmen der Leipzig Leadership Lecture durfte die HHL Leipzig Graduate School of Management Altbundeskanzler Gerhard Schröder am 17.05.2019 als Gastredner begrüßen. Bei dieser öffentlichen Veranstaltungsreihe kommen Vertreter aus Politik und Wirtschaft zu Wort, um über Führungskultur und Erfahrungen mit professioneller Führung zu diskutieren. Außerdem sollen die Studierenden die Möglichkeit erhalten, über Führungserfahrungen, Erfolge und Misserfolge zu reflektieren. „Bei nachhaltigen Entscheidungen muss der Mensch im Mittelpunkt stehen. Um diese zu treffen werden Führungskompetenzen benötigt, die wir unseren Studierenden durch die Verankerung des Leipziger Führungsmodells im Lehrplan vermitteln möchten“, so HHL-Rektor Stephan Stubner bei seiner Begrüßung der rund 450 Gäste. Stubner übergab das Wort an „eine der charismatischsten Führungspersönlichkeiten des vergangenen Jahrzehnts“: Gerhard Schröder, siebter Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland von 1998 bis 2005.

Zustand der Desintegration

Angesichts der bevorstehenden EU-Wahlen begann Schröder seine Rede mit einem Aufruf an das Publikum: „Übernehmen Sie Verantwortung und gehen Sie wählen! Sie können mitentscheiden, wie es mit Europa weitergeht. Europa ist mehr als nur ein gemeinsamer Binnenmarkt und eine Währungsunion. Generationen vor uns konnten von offenen Grenzen nur träumen.“ Europa befinde sich in einem fragilen, von Desintegration geprägten Zustand. Hier müsse die Politik Strukturen bereitstellen, um die derzeitigen Herausforderungen anzugehen.

Multilateralismus ohne Alternative

Schröder nahm Deutschland als größte europäische Volkswirtschaft in die Verantwortung. Für die EU entstehen durch die amerikanische „America first“-Politik Herausforderungen und Chancen zugleich. Deutschland dürfe diesem Kurs nicht folgen und müsse sich für friedliche Lösungen, eine offene Gesellschaft, fairen Handel und den Klimaschutz aussprechen. „Eine Renationalisierung ist keine Lösung der Probleme. Multilateralismus ist ohne Alternative“, so Schröder weiter. Die Eigeninteressen der EU müssen selbstbewusst zur Geltung gebracht und durch verstärkte Kooperation umgesetzt werden.

Vier Ebenen der Führung

Deutschland und Frankreich seien der Dreh- und Angelpunkt der europäischen Integration und müssten daher die politische Führung übernehmen. Dies bedeute, „dass mehrheitsfähige Kompromisse auf der EU-Ebene erarbeitet werden müssen, dass keine Bevormundung anderer Mitgliedsstaaten stattfinde und dass Kosten von Fehlentscheidungen getragen werden müssen.“ Diese Führung müsse auf vier wesentlichen Ebenen stattfinden:

  1. Euro als Weltwährung: Mit der überwundenen Eurokrise sollte der Euro als dritte Weltwährung etabliert werden – neben dem US-Dollar und dem chinesischen Yuan – was jedoch nur mit einer EU-weit stärker koordinierten Finanz- und Wirtschaftspolitik gelingen könne.
  2. Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik: Zweitens müsse eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik im Fokus stehen. Diplomatie und Entwicklungsarbeit seien hier der angemessene Weg, eine militärische Aufrüstung sei nicht zielführend.
  3. Grenzsicherheit: Die dritte Ebene umfasse die Außengrenzen. „Freizügigkeit nach innen benötigt Sicherheit nach außen“, so Schröder. Die Grenzsicherheit müsse gewährleistet werden, ohne sich abzuschotten.
  4. Forschung und Entwicklung: Zuletzt müsse sich die EU auf Innovationen aus den Bereichen Forschung und Entwicklung konzentrieren, das Wettbewerbsrecht anpassen und auf Kooperation statt Konfrontation mit den wichtigen Handelspartnern USA und China setzen.

Schröders Appell an HHL-Studierende

Zum Abschluss seiner Vorlesung wandte sich Schröder an die HHL-Studierenden: „Für Sie ist die Zeit der Möglichkeiten, die Welt steht Ihnen offen. Erhalten Sie sich Ihre Neugier auf das Fremde und nehmen Sie sich die Freiheit, dies zu erkunden. Seien Sie offen für Neues und kämpfen Sie für das Projekt Europa.“ Die darauffolgende Diskussion mit dem Publikum wurde von Prof. Dr. Andreas Pinkwart, Staatsminister für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen, moderiert. Hier kritisierte Schröder den herben Umgang der Öffentlichkeit mit Politikern, insbesondere in den sozialen Medien: „Es muss von der Bundes- bis zur Kommunalebene ein weniger diffamierender Ton getroffen werden.“ Auf die Frage, wie schnell die EU angesichts der Herausforderungen handeln müsse, plädierte Schröder erneut für ein selbstbewusstes Auftreten der EU, eine baldige Überwindung der Zurückhaltung und eine führende Rolle der EU-Kommission.

Pinkwart und Schröder kamen zu dem Schluss, dass Durchsetzungsfähigkeit und Haltung essenzielle Faktoren guter Führung sind. Auf den charismatischen Auftritt Schröders anspielend beendete Pinkwart die Leadership Lecture:

„Sie haben heute eindrucksvoll bewiesen, dass Humor und Menschlichkeit ebenfalls Bestandteile guter Führung sind.“

Headerbild vlnr: Dr. Marcus Kölling, Gerhard Schröder, Soyeon Schröder-Kim, Prof. Dr. Stephan Stubner und Prof. Dr. Andreas Pinkwart

Headerbild von Daniel Reiche