HHL SpinLab Investors Day: Vollgas in Leipzig

Am 16. November 2018 fand erneut der vom SpinLab – The HHL Accelerator und der HHL Leipzig Graduate School of Management gemeinsam veranstaltete Investors Day statt – eine Fachveranstaltung für die Venture Capital Szene. Bei dem Event trafen die SpinLab Startups sowie eine Handvoll anderer mitteldeutscher Startups mit fast 100 privaten, institutionellen und öffentlichen Investoren im Porsche Werk Leipzig zusammen. Neben den Pitches der Startups und der folgenden regen Diskussion über Investitionspotenziale bildete der inhaltliche Austausch über aktuelle Entwicklungen und Spannungsfelder im Venture Capital einen weiteren spannenden Pfeiler des Programms. Julia Mitzinneck vom SpinLab – The HHL Accelerator hat für uns die Hauptthesen und -ergebnisse vom HHL SpinLab Investors Day zusammengestellt:

Pitch Perfect

Außer den Startups der gegenwärtigen SpinLab Klasse erhielten auch ausgewählte Startups der mitteldeutschen Hochschulinitiativen zur Gründungsförderung die Möglichkeit, sich vor den anwesenden Investoren vorzustellen: exist, SAXEED, SMILE, Thüringer Hochschulnetzwerk und univations. Im Laufe des Tages bildete das Porsche Kundenzentrum, in dem jedes Startup einen festen Stand hatte, die Kulisse für Gespräche und Austausch zwischen Gründern und den Vertretern der verschiedenen Investitionsgesellschaften. Außerdem hatten die Startups die Chance, den Preis für den besten Pitch zu gewinnen, über den sowohl eine Fachjury als auch das Publikum abstimmten. Der von der Stadt Leipzig dotierte Preis für den besten SpinLab Pitch im Wert von 5.000 Euro erhielt Keleya, die „digitale Hebamme für werdende Mamas“. Den von der Karl-Kolle-Stiftung dotierten Preis für den besten Pitch mitteldeutscher Startups im Wert von 1500 Euro erhielt Morpheus Space, die elektrische Mikroantriebe für Kleinsatelliten entwickeln und herstellen.

Ist KI die Zukunft des VC?

In der ersten Podiumsdiskussion haben Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Venture Capital (VC) Unternehmen die Potentiale und Risiken des Einsatzes von Künstlicher Intelligenz (KI) zur Automatisierung der Identifikation von vielversprechenden Startups diskutiert.

„Während es bereits einige KI-gestützte VC Unternehmen in den USA gibt, nutzen in Europa nur einige wenige bisher die technologischen Möglichkeiten voll aus“…

…eröffnete Karolina Kukielka (InReach Ventures) und schloss eine kurze Vorstellung ihres Unternehmens an, welches KI nutzen möchte, um auch die versteckten Startups fernab der überrannten Hubs zu entdecken und zu fördern. Der Optimismus und die spürbare Zukunftsgewandtheit ihrer Präsentation glichen den Pitches der Technologie-Startups. Aber auch kritischere Stimmen erhoben sich auf dem Podium; so argumentierte Thorben Rothe (Iris Capital), dass die für KI nötigen „Daten besonders in den frühen Investitionsphasen limitiert sind sowohl in Quantität als auch in Qualität“, doch gerade hier fänden die meisten Deals statt. Mehrfach wurde der für den Erfolg von Startups häufig relevante Teamfaktor angesprochen, denn wie sollen menschliche Faktoren wie Passion, Arbeitsmoral oder Vertrauen vollautomatisch in der Datenanalyse verarbeitet werden? Jochen Klüppel (Grazia Equity) hat das Spannungsfeld mit einem Satz umschrieben:

„Es bereitet mir Bauchschmerzen, gegen KI zu argumentieren – eine so disruptive Technologie –, doch vielleicht fehlt ihr einfach eine Prise gesunden Menschenverstands“.

Trotz des Zweifels wurde wiederholt bestätigt, dass mit den richtigen Datengrundlagen sinnvolle Evaluationen vermutlich möglich sind. Karolina Kukielka (InReach Ventures): „Die Herausforderung für uns ist die Arbeit mit den Daten. Daher zieht sich der Prozess, unsere KI aufzubauen; doch wenn wir einmal den Algorithmus haben, haben wir einen riesigen Satz nach vorne“. Auch Daniel Höpfner (B10.vc) wies darauf hin, dass mit der zunehmenden Dichte von Startups perspektivisch eine neue Lösung als Alternative zum händischen Scrollen her muss. B10.vc versucht sich beispielsweise den Startups über einen KI-gestützten Ökosystemansatz zu nähern.

In der ersten Keynote des Tages zeigte Ashley Lundström (EQT Ventures), wie der Aufbau einer KI im VC gelingen kann, und berichtete vom „Motherbrain“, der KI-Plattform von EQT Ventures, die Millionen von Startups auf eine Handvoll besonders vielversprechender herunterbrechen soll. Ashley Lundström erzählte, wie das „Motherbrain“ fester Bestandteil ihres Alltags wurde und wie sie sich zunehmend auf die futuristisch klingende KI verlassen kann: Erste Erfolge des „Motherbrain“ hätten sich auch bereits eingestellt, doch es bleibe ein kontinuierlicher Prozess, denn das wichtigste bei der Entwicklung einer KI sei es, den Feedback-Kreislauf aufrecht zu erhalten und das System in Echtzeit immer weiter zu verfeinern und zu verbessern. So kann „das Wissen von ihren Köpfen in das System ausgeweitet werden“. Auf Rückfrage des Publikums bestätigte aber auch Ashley Lundström, dass die Datenlage stimmen muss, um sinnvoll mit KI zu arbeiten, denn es gelte immer „Shit in – shit out!“.

Fazit: Es ist schwer zu prognostizieren ob und wie stark sich die Arbeitsweisen im Venture Capital Bereich verändern werden, die traditionellen VCs werden sich KI-gestützten Jungunternehmen stellen müssen in dem Rennen, die vielversprechendsten Startups möglichst früh ausfindig zu machen. Doch knappe Datenlage und schwer zu analysierende weiche Faktoren bleiben die Achillessehne der schnell vorpreschenden Künstlichen Intelligenz.

VC vs. Fördermittel – die Mischung macht‘s?!

Die zweite Hälfte des thematischen Programms widmete sich dem Spannungsfeld von öffentlichen Fördermitteln und privatem VC zum Decken der Finanzierungsbedürfnisse in Startups. Die Einleitung in das Thema gab Jörg Rheinboldt (APX) mit einer Keynote, die Vor- und Nachteile beider Finanzquellen beleuchtete und herausstellte, dass die Frage „VC oder Fördermittel?“ – wie bei so vielen unternehmerischen Überlegungen – letztlich eine Ermessensfrage jedes Startups und jedes Gründers, jeder Gründerin ist. Er führte als zu erwägende Faktoren hierbei unter anderem den Zeitaufwand der Bewerbung an, die Verwaltungsstrukturen der Gelder und welche Formalitäten damit einhergehen, sowie welche Netzwerke und Kontakte sie eröffnen können.

Kevin Reeder (bm-t) berichtete in seiner Keynote aus den Erfahrungen, die er während seiner VC Laufbahn gesammelt hatte und ganz anders in seiner jetzigen Führungsrolle beim Thüringer Fördermittelgeber erlebt. „Wir haben mehr Geduld“, sagte er, „und diese Geduld hat sich massiv ausgezahlt.“ Denn während VCs einen höheren inhärenten Druck zu schnellen und möglichst hohen Exits haben, können Fördermittelgeber in ihren Auswahl- und Förderkriterien etwas nachsichtiger sein, was den Wachstumsdruck auf die Startups angeht. Dieser Gedanke fand sich auch in der zweiten Podiumsdiskussion wieder, in der Andreas Winiarski (Earlybird) beipflichtete:

„Es ist gut, richtig und wichtig, dass Fördermittel Unternehmungen unterstützen, die für VCs weniger interessant sind.“

Gleichzeit wurde davor auch gewarnt. Kevin Reeder (bm-t) sprach von Problemen der „Ablenkung und Mentalität“, denn „das negative Feedback des Marktes“ wäre eine extrem wichtige Lektion für jedes Startup. Auch Andreas Winiarski (Earlybird) beschäftigte die Mentalitätsfrage, wiederholt betonte er:

„Unternehmer sind die besseren Unternehmer – nicht der Staat.“

Isabelle Canu (Coparion), selber in der staatlichen subventionierten Mittelvergabe tätig, sieht das Spannungsfeld zwischen Marktnähe und gesellschaftlichem Auftrag als zentrale Herausforderung der Fördermittelvergabe. Zur Vermeidung einer kontraproduktiven „Schutzblase“ um die geförderten Startups beteuerte sie daher die Wichtigkeit, den Markt nicht zu verzerren. Fördermittel sollten lediglich dort einhaken, wo der Markt versagt. Einen ähnlichen Standpunkt vertritt auch Reinhard Flaskamp (Sächsisches Staatsministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr), der klar feststellte: „Fördermittel und VC ist kein Gegensatz“, sie sollten ineinandergreifen. Besonders in den nach wie vor strukturschwächeren ostdeutschen Bundesländern gäbe es noch viel Potenzial, diese Symbiose auszubauen. Während sich die Teilnehmenden einig waren, dass förderwürdige Technologien und innovative Startups auch in den ostdeutschen Bundesländern blühen, so ist laut Flaskamp insbesondere die private Finanzinfrastruktur in Form von VC nach wie vor sehr schwach. Die geographische Verteilung der Startup Hubs der Republik wäre jedoch keinesfalls in Stein gemeißelt. „Das Geld folgt der Idee“, gab Andreas Winiarski (Earlybird) zu bedenken und prognostizierte, dass die Hotspots sich verändern werden. Jan Alberti (bmp) wies außerdem auf die allgemeine Auflösung tradierter Arbeitsformen und auf die zunehmende Multilokalität von Teams und Startups hin. Zunehmend seien Teams digital vernetzt, räumlich flexibel und so an verschiedenen Standorten vertreten. Inwiefern staatliche Förderung, die häufig aus den Haushalten der Bundesländer gespeist wird, sich auch an diese Veränderungen anpassen könnte und sich in dieser Vernetzung behaupten vor allem aber sinnvoll einbringen könnte, müsse diskutiert werden. Gleichermaßen stünden auch private Geldgeber vor einem zunehmend komplexer werdenden Ökosystem, dass es zu beobachten und navigieren gelte.

Fazit: Zur erfolgreichen Nährung forschungsbasierter und innovativer Startups bedarf es einer vielseitigen Finanzinfrastruktur. Geldgeber müssen den Spagat bewältigen, einerseits Geduld in der Entwicklung neuer Technologien zu haben und anderseits früh genug eine marktorientierte Gründermentalität zu befördern, um diese Technologien auch in einem konkreten Produkt umzusetzen. Wann welche Impulse am wertvollsten sind, bleibt dabei ebenso eine Ermessensfrage der Startups wie es im Ermessen der Geldgeber liegt, wann und wie lange ein Vorhaben förderwürdig ist. In der Bandbreite der Kriterien liegt sowohl das Potenzial für öffentliche und private Geldgeber zusammenzuarbeiten als auch das Risiko aneinander vorbei oder gar gegeneinander zu agieren.

Wir freuen uns auf den nächsten spannenden HHL SpinLab Investors Day am 6. Juni 2019 !

 

Entrepreneurship at HHL

SpinLab – The HHL Accelerator

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