Interview: Warum die HHL Angela Merkel die Ehrendoktorwürde verleiht

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Warum verleiht die HHL der Bundeskanzlerin die Ehrendoktorwürde?

Diese Frage beantworten Professoren der HHL in einem Interview:

Warum erhält Frau Merkel die Ehrendoktorwürde der HHL?

Prof. Dr. Stephan Stubner, Rektor der Handelshochschule Leipzig (HHL): “Wir zeichnen Frau Merkel für ihre politische Führung aus. Als universitäre Business School befassen wir uns seit vielen Jahren in Forschung und Lehre mit dem Thema Führung, und haben auch ein eigenes Leipziger Führungsmodell hierzu entwickelt. Die Führung von Frau Merkel verkörpert in vielerlei Hinsicht die Grundwerte unseres Leipziger Führungsmodells: Eine Art der Führung, die einen klaren Sinn hat; verantwortlich, werteorientiert und stets an den Erfordernissen der Situation orientiert ist.”

Wie lässt sich der Führungsstil von Frau Merkel beschreiben, für den sie den Ehrendoktor der HHL erhält?

Prof. Dr. Timo Meynhardt, Lehrstuhl f. Wirtschaftspsychologie und Führung an der HHL: “Im Grunde definiert sie einen neuen Stil, der sich im Bild der Merkel-Führungsraute bildhaft zu vier Punkten verdichten lässt: Sie steht konsequent für ein humanistisches Weltbild, sie orientiert sich mit ihrem pragmatisch-systemischen Denken und Handeln am Machbaren, sie zeigt immer wieder die Bezüge zum am größeren Ganzen (Gemeinwohl) auf und lebt all dies glaubwürdig in ihrem bescheiden-authentischen Auftritt vor. Besonders stilprägend ist ihre bemerkenswerte Selbstdisziplin, den eigenen Gestaltungsspielraum nicht für eine Selbstverwirklichungsgeste auszunutzen. In der Kombination ist dieser Ansatz im Moment einzigartig und trägt in der wissenschaftlichen Debatte dazu bei, liebgewonnene Denkmuster in Frage zu stellen.”

Inwiefern deckt sich dieser Führungsstil mit den Werten der HHL?

Prof. Dr. Manfred Kirchgeorg, Lehrstuhl für Marketing an der HHL: “Die HHL möchte unternehmerische, effektive und verantwortungsvolle Persönlichkeiten heranbilden. Sie sollen sich über den Tellerrand eines Unternehmens hinaus der Lösung zentraler gesellschaftlicher Herausforderungen widmen. Es geht also um ganzheitlich ausgerichtete Denkweisen. Dabei sind die Ressourcen jedes Einzelnen – angefangen von unserer Lebenszeit bis hin zu unseren natürlichen Lebensgrundlagen – begrenzt. Somit müssen wir auf innovativen und intelligenten Wegen Chancen nutzen. Vor allem müssen wir andere für diese Aufgabe gewinnen. Im Kern ist diese Grundhaltung der Führung bereits im Bild des „ehrbaren Kaufmanns“ verankert, der seit 120 Jahren die Gesinnung der HHL prägt. Seine Haltung ist natürlich nicht 1:1 auf die politische Führung zu übertragen, sie gilt aber in ihrer Grundausrichtung für jegliches Führungsverhalten.”

Was genau ist das Leipziger Führungsmodell und inwiefern entspricht Angela Merkel ihm?

Prof. Dr. Timo Meynhardt: “Das Leipziger Führungsmodell ist ein Orientierungsrahmen guter Führung. Das Modell vermittelt kein Rezeptwissen, sondern möchte die Aufmerksamkeit von Führungskräften auf zentrale Fragen richten: Verfolgen wir ein übergeordnetes Ziel? Denken und handeln wir unternehmerisch? Ist unser Handeln legitim? Sind wir effektiv? Gute Führung bedeutet im Leipziger Führungsmodell, eine ganzheitliche Sicht einzunehmen und einen Beitrag zu einem größeren Ganzen zu leisten, der den Einzelnen immer im Blick behält. In einer grundsätzlich nicht beherrschbaren Welt kommt es darauf an, handlungsfähig zu bleiben und eine Haltung auszubilden, die sich über einen Wertbeitrag und nicht über Status, Wissen oder Macht definiert. Das damit verbundene Rollen- und Menschenbild findet sich in Frau Merkels Führungsstil in besonders prägnanter Weise.”

Können die Professoren aus Sicht Ihrer Forschungsgebiete sehr einfach und anschaulich erklären, wie das Modell anwendbar ist?

PD Dr. habil. Dorian Proksch, Lehrstuhl für Innovationsmanagement und Entrepreneurship: “Mit Hilfe des Modells kann die digitale Transformation von Unternehmen aus unterschiedlichen Perspektiven kritisch betrachtet werden. Besonders hervorzuheben ist hier das Spannungsfeld aus Unternehmergeist (beispielsweise die Automatisierung von internen Prozessen zur Steigerung der Wertschöpfung) und Verantwortung (beispielsweise den verantwortungsvollen Umgang mit Mitarbeitern ohne digitale Kompetenzen). Das Modell zeigt auf, dass Innovationen durchaus differenziert betrachtet werden sollten.”

Prof. Dr. Manfred Kirchgeorg: “Führung muss heute unter erheblichen Ressourcenengpässen in komplexen und spannungsgeladenen Umfeldern zukunftsfähige Lösungen anregen und zur Umsetzung bringen. Arrogante Einzelkämpfer und zielloses Agieren sind hier fehl am Platz. Vielmehr gilt es, widerstrebende Kräfte des Neudenkens unter einer gemeinsamen Zielausrichtung geschickt zu bündeln, um dann Zukunft konkret zu gestalten. Verantwortliches Gestalten heißt dabei, sich den negativen Folgen des heutigen Handels bewusst zu werden und sie möglichst zu vermeiden.”

Prof. Dr. Andreas Suchanek, Lehrstuhl für Wirtschafts- und Unternehmensethik: “Aus ethischer Sicht ermöglicht das Modell, die Verantwortlichkeit guter Führung in Beziehung zu setzen zu den Erfordernissen des unternehmerischen Alltags, wie sie in den Dimensionen Unternehmergeist und Effektivität zum Ausdruck kommen und dies auf einen Purpose zu beziehen. Dabei treten unweigerlich Potenziale und Spannungen auf, die mit dem Modell adressiert werden können.”

Prof. Dr. Henning Zülch, Pro- Rektor der HHL und Lehrstuhl: Mit Hilfe des Modells wird deutlich, dass sich die Unternehmensführung bei all Ihren Handlungen der Zwecksetzung des Unternehmens klar sein muss. Nur so kann eine langfristig effektive Unternehmensstrategie verantwortungsvoll mit der notwendigen Erneuerungsfähigkeit im Unternehmen implementiert und nach außen glaubwürdig kommuniziert werden.

Prof. Dr. Timo Meynhardt: “Das Modell sagt, wie man der eigenen Macht einen Sinn geben kann. Es hilft Führungskräften, die richtigen Fragen zu stellen. Das Modell unterstützt Unternehmen, den nächsten Schritt von der Mission zum Purpose zu gehen. Ich finde, es hilft vor allem, die Balance zwischen Systemdenken und Menschlichkeit (wieder) zu finden.”

Wie wird das LFM in Forschung, Lehre und in der Praxis angewendet?

Prof. Dr. Henning Zülch: “Das LFM ist fester Bestandteil des Curriculums. In Führungsvorlesungen, aber auch quer durch die einzelnen Fächer wird darauf immer wieder Bezug genommen. Es gibt einzelne Forschungsprojekte, in den Instrumente zur Analyse der Führungskultur entwickelt werden, aber auch einzelne Führungskräfte ihr Profil bestimmen können. Auch in der Weiterbildung spielt das Modell zunehmend eine Rolle, zum Beispiel in einem neu konzipierten Führungsseminar.”

Ist Angela Merkels Führung als ethisch wertvoll zu bezeichnen?

Prof. Dr. Andreas Suchanek: “Ja, denn sie liefert in besonderer Weise Anschauungsmaterial, wie die anspruchsvolle Balance von Prinzipienorientierung und Realitätssinn zu erreichen ist. Dies in einer Zeit, in der es immer schwieriger wird, die immer weiter auseinanderdriftenden gesellschaftlichen Interessen- und zunehmend volatileren und extremeren Stimmungslagen zusammenzuhalten. Damit schafft sie es immer wieder, die aus ethischer Sicht so grundlegend wichtige Grenze ziehen zu können zwischen jenen Kompromissen, die man aus pragmatischen Gründen schließen sollte und jenen, die eine klare Verletzung der Prinzipien mit sich bringen.”

Kritiker könnten Fragen, warum die HHL ausgerechnet Frau Merkel auszeichnet. Was können Sie dem entgegenhalten?

Prof. Dr. Stephan Stubner, Rektor Handelshochschule Leipzig (HHL): “Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens werden in ihrem Handeln immer auch kritisch gesehen. Die HHL ehrt den Führungsstil von Frau Merkel. Es geht uns nicht um eine abwägende Bilanz gelungener bzw. nicht gelungener Führungsarbeit, sondern vielmehr um Muster im Führungshandeln. Im Vordergrund steht der für die Forschung so interessante Ansatz.”

Wie bekannt ist das Leipziger Führungsmodell? Arbeitet jemand außerhalb der HHL damit? Unternehmen, Universitäten?

Prof. Dr. Timo Meynhardt: “Das Modell ist noch sehr jung. Es baut auf wichtigen Traditionen der HHL und insgesamt der Führungsforschung auf. Als eigenständiges Modell ist es allerdings erst seit wenigen Jahren bekannt. Wir sehen schon starkes Interesse bei den Unternehmen, sich damit zu beschäftigen. Es gibt auch erste Praxisfälle, vor allem wenn es darum geht, den Purpose eines Unternehmens zu ermitteln und diesen verantwortungsvoll, unternehmerisch und effektiv umzusetzen.”

Wie nehmen Ihre internationalen Studenten dieses Führungsmodell an? – Hat das Vorbildcharakter?

Prof. Dr. Henning Zülch: “Mit großem Interesse. Die Purpose-Diskussion und auch die Reflektion der anderen Dimensionen betreffen alle. Je nach Herkunftsland gibt es andere Schwerpunktsetzungen, aber überall geht es um Sinnfragen, gesellschaftliche Wirkung und Innovation.”

Headerbild vlnr: Dr. Marcus Kölling, Prof. Dr. Stephan Stubner

Headerbild von Ilona Dutz