Coaching mit Achtsamkeit

Achtsamkeit oder die Konzentration auf das Hier und Jetzt

Life Coach Victoria Dressel im Gespräch mit Timo Meynhardt

 

Als Studentin des Part-Time MBA Programmes der HHL war sie gemeinsam mit ihrem Sohn und ihrem Partner 2013 bis 2014 in Kerala, Indien – 100 Tage an diesem Ort der Erde veränderten ihren Weg in eine neue Richtung. Victoria Dressel entschied sich dafür, ihren anspruchsvollen Job als Art-Director niederzulegen und dem Ruf zu folgen: ihre Selbstständigkeit als Yoga-Trainerin und Life Coach anzutreten. Sie versteht sich als Botschafterin der Achtsamkeit und unterstützt Menschen darin, sich in Selbst- und Fremdwahrnehmung zu schulen, damit diese ihr wahres Potenzial frei entfalten können. Aktuell begleitet sie einzelne Profi-Fussballer von RB Leipzig, unterstützt Unternehmen sowie auch die HHL im Rahmen des Progrmmes New Leipzig Talents als Coachin, Trainerin und  Workshop-Leiterin.

Im Interview besprechen Timo Meynhardt (TM) und Victoria Dressel (VD) die Unabdingbarkeit der Achtsamkeit in der Welt – und auch das Leipziger Führungsmodell.
Prof. Dr. Timo Meynhardt leitet den Lehrstuhl für Wirtschaftspsychologie und Führung an der HHL.

TM: Mit dem Leipziger Führungsmodell haben wir einen Dialog darüber angestoßen, welche Fragestellungen Führungskräften Orientierung bieten können. Ein wichtiger Punkt ist dabei der achtsame Umgang mit Potenzialen, aber auch Spannungen, die sich in einer konkreten Situation ergeben. Was ist Achtsamkeit für dich?

VD: Achtsamkeit ist im Grunde die Konzentration auf das Hier und Jetzt. Unser Geist, unsere Gedanken sind meist entweder mit dem Gestern oder mit dem Morgen beschäftigt, jedoch viel zu selten befinden wir uns wirklich im Augenblick. Achtsamkeit bedeutet, wach gegenüber dir selbst und anderen zu sein, dein Denken, dein Handeln und deine Umgebung bewusst wahrzunehmen.
Wenn wir davon ausgehen, dass unser Leben nur jetzt passiert, bedeutet das radikal betrachtet: Wenn wir nicht hier und jetzt sind, verpassen wir unser Leben!

TM: Das klingt nach Anstrengung und Arbeit.

VD: Ich darf immer öfter an mir selbst und an den Menschen, mit denen ich arbeite, erleben, dass, je mehr Achtsamkeit sie in ihr Leben integrieren, desto entspannter, gelassener, freudiger werden sie. Warum? Um nur ein paar Aspekte zu erwähnen, die selbst die Wissenschaft bereits in mannigfaltigen Weisen aufzeigen konnte: Die eigene Wahrnehmung verfeinert sich, ich bin weniger abgelenkt vom Außen und weniger abhängig vom Urteil anderer Menschen, mein Stresspegel nimmt ab, mein Selbstbewusstsein, meine innere Zufriedenheit und meine Lebensqualität nehmen zu. Man könnte auch sagen: Je achtsamer ich durch mein Leben gehe, umso sortierter und ausgeglichener fühle ich mich, und damit entsteht eine innere Gelassenheit und Entspannung. Dabei geht es nicht um ein leistungsorientiertes Training, welches achtsam werden lässt, sondern vielmehr um einen Perspektiv-Wechsel, eine innere Haltung, inneres Wachstum.

TM: Du siehst dich in deiner Arbeit sozusagen als Botschafterin der Achtsamkeit. Was meinst du damit?

VD: Ich möchte die Menschen, die meine Workshops besuchen, dazu inspirieren und motivieren, sich dem Leben mit all seinen schönen und zugleich herausfordernden Aspekten bewusst zu öffnen und auch wacher zu leben. Wenn ich aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen betrachte, dann lässt mich das sehr nachdenklich werden. Da brauchen wir nicht bis in die ferne USA zu schauen, da reicht der Blick vor die eigene Haustür. Die Welt braucht mehr wache und selbstdenkende, selbstreflektierte Menschen.

“Wenn Sie sich wache, motivierte, kreative Angestellte in Ihrem Unternehmen wünschen, dann schulen Sie sie in Achtsamkeit.”
(Victoria Dressel)

 

TM: Wie gehst du bei deinen Interventionen vor?

VD: Ich arbeite mit Impulsen, Bildern, Geschichten, stelle Fragen, gebe Beispiele und arbeite mit Übungen und Techniken bspw. aus dem MBSR-Programm (Mindfulness-Based-Stress-Reduction), aus meinen Erfahrungen und dem Wissen der Welt des Yoga. Ich nutze dabei die Erkenntnisse und Anwendungen aus der aktuellen Forschung. Die neuesten wissenschaftlichen Studien besonders aus den Bereichen Soziologie, Neurobiologie, Psychologie interessieren mich besonders. Meine Herangehensweise würde ich als eine ganzheitliche, integrale, interaktive beschreiben. Mir liegt es am Herzen, den Teilnehmern eine Erfahrung zu ermöglichen, die weniger auf kognitiver Ebene verstanden werden kann, sondern vielmehr die Empfindung, das Fühlen herausfordern. Sie dürfen sich selbst erleben und ich darf sie dazu bewegen.

TM: Welche Rolle spielen dabei deine eigenen Erfahrungen?

VD: In der Rolle als Coachin und Trainerin schaue ich darauf, dass ich nur lehre, was ich selbst auch erlebt und erfahren habe, ich teile meine eigenen Erfahrungen –  ganz klar. Alles was mir mein Leben bisher an Herausforderungen, freudvollen und schmerzvollen, geschenkt hat, fließt mit ein.
Mein Anspruch ist es, authentisch und lebensnah mit den Teilnehmern zu arbeiten, einen Raum zu öffnen, der es ermöglicht sich zu zeigen, zu teilen, zu erkennen.

TM: Aus Sicht der Mainstream-Wissenschaft klingt vieles von dem, was du sagst zumindest sehr gewagt. Mich interessiert aber erst einmal ein anderer Punkt: Ist nicht die starke Introspektion eine Abkehr von der realen Welt mit all ihren Problemen? Wissen wir denn nicht im Grunde mit Blick auf die Vorläuferbewegungen der 1970er Jahre, dass echte Entwicklung nur durch konkretes Handeln ermöglicht wird, sich zum Beispiel Kompetenzen nur durch Erfahrungen und in der Auseinandersetzung mit realen Herausforderungen entwickeln lassen?

VD: Schließt das eine das andere denn aus? Mal ganz ehrlich, was bedeutet für dich echte Entwicklung? Und sollte das bedeuten, dass Selbstreflektion und Introspektion davon abhalten, sich wahrhaftig entwickeln zu können? Ganz klar aus meiner Sicht: Ohne das wird es keine gute, wertschöpfende, dem Gemeinwohl dienende Entwicklung geben können. Es braucht den Mut und das Interesse, sich selbst und andere verstehen zu wollen und mit diesem Wissen und Bewusstsein zu handeln. Dann wächst echte Kompetenz, echte Entwicklung in dieser Welt.

TM: Ich denke, an diesem Punkt liegen wir nicht auseinander. Selbstreflexionsfähigkeiten gehören von jeher zur Basis gelingender Persönlichkeitsentwicklung. Ich glaube auch, dass in unserer beschleunigten Welt mehr Achtsamkeit auch eine Antwort sein kann, um überhaupt noch mitzukommen und dabei bei sich zu bleiben. Insofern hat die Achtsamkeitsbewegung sicher noch eine große Zukunft vor sich. Meine Zurückhaltung erkläre ich mir aus der Skepsis gegenüber einer instrumentellen «Anwendung». Wenn Achtsamkeitstechniken als Vademecum zur Stressbewältigung dienen sollen, um dann wieder besser zu «funktionieren», dann ist das zumindest ambivalent. Einerseits: Was hilft, hilft. Ich habe auch kein Problem, wenn diese Techniken aus ihrem oftmals buddhistischem Entstehungszusammenhang herausgelöst werden. Andererseits besteht die Gefahr, den Status quo zu zementieren, wenn Achtsamkeit zur Kompensation wird. Aber klar, der Kern, den Autopiloten einmal auszuschalten und innezuhalten, war und bleibt sinnvoll.

VD: Ich würde gern einmal zurückfragen. In welchen Situationen würdest du dich als besonders achtsam beschreiben und warum?

TM: Ich fühle mich dann besonders wach und lebendig, wenn ich mich auf eine Aufgabe konzentriere, die mich voll fordert. Ich brauche eine meist von außen herangetragene Herausforderung, um in diesen Modus zu kommen. Dies geht genau dann am besten, wenn ich mich gerade nicht auf mich konzentriere, was immer das auch sein mag.

VD: Okay, das kann ich gut nachvollziehen und gleichzeitig würde ich dir gern unterstellen wollen, dass du höchstwahrscheinlich sehr in deiner Mitte bist, wenn du dich in solchen Momenten wach und lebendig fühlst und dein Unterbewusstsein konzentriert auf dich ist. Du kennst sicher auch Momente, in denen alles läuft und du unheimlich effektiv und gut voran kommst, mehrere Sachen zügig abarbeiten kannst, ohne dich angestrengt zu fühlen. Das bezeichnet man als Flow-ähnlichen Zustand, du befindest dich ganz bei dir, bist von nichts abgelenkt und im Hier und Jetzt. Warum erleben wir das jedoch nicht so häufig? Weil wir tausendfach am Tag abgelenkt sind von Emails, Nachrichten, Medien uvm.
Aber du sprichst hier auch den Gedanken des Leipziger Führungsmodells an: anderen etwas zu geben, einen Beitrag zu leisten und sich dadurch auch selbst besser zu fühlen?

TM: Auf alle Fälle. Die Kunst ist dabei eben, die Spannung aufrechtzuerhalten und Geben und Nehmen in der Balance zu halten. «Geben ist das bessere Nehmen» gilt gerade für Führungskräfte aus meiner Sicht aktuell mehr denn je. Die Grundhaltung hat wohl unübertrefflich Bertolt Brecht zum Ausdruck gebracht:

«Keinen verderben lassen, auch nicht sich selber, jeden mit Glück erfüllen, auch sich. Das ist gut.»
(Bertolt Brecht)

 

VD: Inwieweit wird dieses Denken im Leipziger Führungsmodell präsent gehalten?

TM: Als wir im Autorenteam das Modell entwickelt haben, war uns völlig klar, dass es eine Herausforderung unserer Tage ist, zunächst einmal achtsam und wach für die fundamentalen Fragen nach dem Warum und Wozu, dem Was und Wie unternehmerischen Handelns zu sein. Daher spielt der Purpose auch eine so große Rolle. Es geht uns damit nicht um eine neue Generation von Führungsphilosophen, sondern ein Gespür für das in der Managementlehre oft Nichtausgesprochene und Unhinterfragte im Unternehmensalltag. Viele zweifeln heute am Sinn und Zweck eines Schneller, Weiter, Höher. Freude und Sinn sind zu zentralen Motivationsfaktoren in der heutigen Arbeitswelt geworden. Mir ist aber sehr bewusst, dass wir angesichts der guten Arbeitsmarktlage und des Wohlstandes aus Sicht anderer Länder durchaus «Luxusprobleme» haben. Ich sehe diese sowohl als Chance wie Herausforderung für Führungskräfte, für sich selbst Antworten zu finden, die auch andere begeistern können.

VD: Was ist euer «Vorschlag»?

TM: Sich vom Beitrag zu einem größeren Ganzen lenken lassen und dabei selbst verwirklichen. Einerseits können Menschen nicht ohne Transzendenzbezug leben, sei es ein religiöser Glaube oder eine Weltanschauung, in der sie sich wiederfinden und aus der sie Kraft schöpfen. Mit Blick auf das Arbeitsleben ist unser Vorschlag, sich als Führungskraft dabei nicht nur auf das Erreichen der Unternehmensziele im engeren Sinnen, sondern auch auf die Förderung der Mitarbeiter und vor allem auch auf den Beitrag zum Gemeinwohl zu konzentrieren. Im besten Fall geht das Hand in Hand und es ergeben sich – wie der Soziologe Hartmut Rosa sagt – gute Resonanzachsen.

VD: Gibt es an der HHL zur Auseinandersetzung mit dem Führungsmodell und seiner Philosophie spezielle Veranstaltungen?

TM: Ja, in einer eigenen Vorlesung wird das Modell eingeführt, diskutiert und verortet. Dies geschieht gleich am Anfang des Studiums und zieht sich wie ein roter Faden durch. Es gibt auch noch ein besonderes extracurriculares Angebot, unser Coaching Programm «New Leipzig Talents». Dort können Studierende über ein dreiviertel Jahr mit einem Coach ganz individuell an ihren Kompetenzen arbeiten, um eine entsprechende Haltung für sich zu entwickeln. Du bist ja auch in diesem Programm aktiv. Wie gehst Du in den Gruppenveranstaltungen auf die Coachees zu?

VD: Indem ich sie zunächst mit ihren eigenen Erfahrungen konfrontiere. Ein Beispiel: Jeder kennt den Moment, in dem alles zu viel wird, du nichts mehr aufnehmen kannst, die Konzentration schwindet. Da hilft es sehr, die Zeit kurz anzuhalten, bewusst aus deinem Autopiloten auszusteigen und zu entschleunigen, bei dir anzukommen. Wenn ich lerne, gut zu mir selbst zu sein, gut auf mich selbst zu achten, mich selbst für meine Arbeit wertzuschätzen, wird mir das auch mit anderen Menschen besser gelingen. So verstehe ich auch das Prinzip des Leipziger Führungsmodells. Ich helfe den Teilnehmern, bewusster mit sich, ihren Kollegen und ihrem Umfeld allgemein umzugehen. Was mir selbst gelingt, gelingt mir auch mit anderen.

TM: Ja, das ist eine wichtige Botschaft des Leipziger Führungsmodells. Wir behaupten auch nicht, dass wir dieses Gedankengut zuerst entwickelt hätten. Wir haben es nur explizit integriert und uns dabei an der aktuellen Führungsforschung orientiert. Wir halten uns allerdings mit einseitigen Schwerpunktsetzungen zurück und sehen in der Offenheit des Modells eine Chance, die eigene Perspektive einzubringen. Mich würde noch interessieren, wo aus deiner Sicht da die Reise hingehen könnte.

VD: Meine Vision ist groß und hell, aber das darf eine Vision ja auch sein. Ich sehe Menschen sich achtsam und respektvoll auf der Straße, in ihren privaten und beruflichen Räumen begegnen; ich sehe friedliche, freundliche, glückliche Menschen, die sich gemeinsam unterstützen, wertschätzend kommunizieren, die sich wach begegnen.
Ich stelle mir all diejenigen Unternehmen und Institutionen vor, die ich zurzeit begleite – seien es die Fussballer von RB Leipzig, Kinder & Jugendliche, Angestellte oder Studenten. Ich stelle mir vor, wie sie ganz selbstverständlich im Klassenzimmer, im Büro, im Trainingsbereich, meditieren. In ein paar Jahren, davon bin ich überzeugt, wird Meditation ein selbstverständlicher Bestandteil unseres Alltags  sein, wie das tägliche Checken von E-Mails. Das ist meine Vision und gleichzeitig meine Mission.

“Achtsamkeit wird zur Notwendigkeit für uns Menschen werden. Als ich 2014 über Entschleunigung und Achtsamkeit gesprochen und geschrieben habe, wurde ich belächelt. Mittlerweile werde ich genau dafür gebucht. Die Welt befindet sich im Wandel. Und das Bewusstsein für Achtsamkeit zu entwickeln ist ein Wandel, der für mich unabdingbar scheint. Welche Vision hast Du dazu?”
(Victoria Dressel)

 

TM: Wenn ich ehrlich bin, bin ich ein Visionsverweigerer. Eher radikalpragmatisch sehe ich die Notwendigkeit, immer wieder alles auf den Prüfstand zu stellen und – auch wenn es schwerfällt – neu zu überlegen, wie es weitergehen könnte. Mit dem Modell haben wir dafür einen Rahmen gesetzt, um zumindest bessere Fragen zu stellen.

VD: Gute Fragen sind von großem Wert. Wenn ich dir ein Feedback geben darf: Auch wenn du dich als Visionsverweigerer bezeichnest, sehe ich in dir einen zukunftsgewandten und offenen Menschen, der die Entwicklung vorantreibt, auf eine sehr kluge und menschliche Weise! Das macht unsere Zusammenarbeit immer wieder spannend für mich.

New Leipzig Talents

Leipzig Leadership Model

Part-time MBA at HHL

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Photo by Daniel Reiche (c) HHL